Der Prophet und die langen Löffel

Löf­fel

Ein Rabbi kam zum Pro­phe­ten Elias. Ihn bewegte die Frage nach Hölle und Him­mel, wollte er doch sei­nen Lebens­weg danach gestalten.

Wo ist die Hölle – wo ist der Himmel?“

Mit die­sen Wor­ten näherte er sich dem Pro­phe­ten, doch Elias ant­wor­tete nicht.

Er nahm den Fra­ge­stel­ler an der Hand und führte ihn durch dunkle Gas­sen in einen Palast.

Durch ein Eisen­por­tal betra­ten sie einen gro­ßen Saal. Dort dräng­ten sich viele Men­schen, arme und rei­che, in Lum­pen gehüllte, mit Edel­stei­nen geschmückte.

In der Mitte des Saa­les stand auf offe­nem Feuer ein gro­ßer Topf voll bro­deln­der Suppe, die im Ori­ent Asch heißt.Der Ein­topf ver­brei­tete ange­neh­men Duft im Raum. Um den Topf herum dräng­ten sich hohl­wan­gige und tief­äu­gige Men­schen, von denen jeder ver­suchte, sich sei­nen Teil Suppe zu sichern.

Der Beglei­ter des Pro­phe­ten Elias staunte, denn die Löf­fel, von denen jeder die­ser Men­schen einen trug, waren so groß wie sie selbst. Nur ganz hin­ten hatte der Stiel des Löf­fels einen höl­zer­nen Griff. Der übrige Löf­fel, des­sen Inhalt einen Men­schen hätte sät­ti­gen kön­nen, war aus Eisen und durch die Suppe glü­hend heiß.

Gie­rig sto­cher­ten die Hung­ri­gen im Ein­topf herum. Jeder wollte sei­nen Teil, doch kei­ner bekam ihn.

Mit Mühe hoben sie ihren schwe­ren Löf­fel aus der Suppe, da die­ser aber zu lang war, bekam ihn auch der Stärkste nicht in den Mund. Gar zu Vor­wit­zige ver­brann­ten sich Arme und Gesicht oder schüt­te­ten in ihrem gie­ri­gen Eifer die Suppe ihrem Nach­barn über die Schul­tern. Schimp­fend gin­gen sie auf­ein­an­der los und schlu­gen sich mit den­sel­ben Löf­feln, mit deren Hilfe sie ihren Hun­ger hät­ten stil­len können.

Der Pro­phet Elias fasste sei­nen Beglei­ter am Arm und sagte: „Das ist die Hölle!“

Sie ver­lie­ßen den Saal und hör­ten das höl­li­sche Geschrei bald nicht mehr.

Nach lan­ger Wan­de­rung durch fins­tere Gänge tra­ten sie in einen wei­te­ren Saal ein. Auch hier saßen viele Menschen.

In der Mitte des Rau­mes bro­delte wie­der ein Kes­sel mit Suppe. Jeder die­ser Anwe­sen­den hatte einen jener rie­si­gen Löf­fel in der Hand, die Elias und sein Beglei­ter schon in der Hölle gese­hen hat­ten. Aber die Men­schen waren hier wohl­ge­nährt und man hörte in dem Saal nur ein lei­ses, zufrie­de­nes Sum­men und das Geräusch der ein­tau­chen­den Löffel.

Jeweils zwei Men­schen hat­ten sich zusam­men­ge­tan. Einer tauchte den Löf­fel ein und füt­terte den ande­ren. Wurde einem der Löf­fel zu schwer, hal­fen zwei andere mit ihrem Ess­werk­zeug, sodass jeder doch in Ruhe essen konnte. War der eine gesät­tigt, kam der Nächste an die Reihe.

Der Pro­phet Elias sage zu sei­nem Beglei­ter: „Das ist der Himmel!“

Ent­nom­men aus dem Buch: „Der Kauf­mann und der Papa­gei“ von N. Peseschkian

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