Heterogene Klassen erfordern unterschiedliche und anregende Unterrichtssituation für Schülerinnen und Schüler


Die Ergeb­nisse der Unter­su­chun­gen, die die Uni Köln in den FLEX-Klassen durch­ge­führt hat und wei­ter durch­füh­ren wird, zei­gen den Leh­re­rin­nen und Leh­rer hoch­in­ter­es­sante Zwi­schen­er­geb­nisse. Zwar sind die Zwi­schen­er­geb­nisse anonym, sodass keine Rück­schlüsse auf ein­zelne Kin­der ein­fach mög­lich sind, so geben sie aber trotz­dem Hin­weise für die täg­li­che Unter­richts­ar­beit mit den Kindern.

Hete­ro­gene Klas­sen
Ein Bei­spiel:
Die Aus­wer­tung des Grup­pen­in­tel­li­genz­tests zeigt, dass in mei­ner Klasse drei Kin­der einen IQ über 130 Punkte haben und somit zu den hoch­be­gab­ten Men­schen gehö­ren. Vier Kin­der lie­gen in einem Intel­li­genz­be­reich zwi­schen 120 Punkte und 130 Punkte.
Ein Groß­teil der Kin­der lie­gen im “Nor­mal­be­reich” und ein wei­te­rer Teil im Bereich unter 80 Punkte bis hin zur ein­deu­ti­gen Lernbehinderung.

Klassemvergleich

Alle diese Kin­der fin­den sich jeden Mor­gen in der Klasse ein und haben laut nord­rhein­west­fä­li­schem Schul­ge­setz einen Rechts­an­spruch auf indi­vi­du­elle För­de­rung.
Hinzu kommt, dass die Kin­der in einem Köl­ner Vier­tel leben, das als sozia­ler Brenn­punkt ein­ge­stuft wor­den ist, in dem viele Fami­lien mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund leben, die es sel­ber nie gelernt haben, ihre Kin­der in ihrer Ent­wick­lung zu unter­stüt­zen.
Hier ist nicht nur gemeint, dass z. B. die Hilfe bei den Haus­auf­ga­ben nicht gege­ben wer­den kann, son­dern viel­mehr, dass die Haus­auf­ga­ben im täg­li­chen Über­le­bens­kampf nicht als wich­tig ein­ge­stuft wer­den und so die Arbeit der eige­nen Kin­der in der Schule die erfor­der­li­che Wür­di­gung erhält, die wie­derum zur Moti­va­tion und Vor­aus­set­zung für ein gesun­des Lern­klima außer­halb von Schule ist.

Orga­ni­sa­to­ri­sche Hil­fen
Diese Hemm­nisse, zumin­dest, wenn sie orga­ni­sa­to­ri­scher Art sind, kann man mit Krea­ti­vi­tät abmil­dern wie die Schul­lei­te­rin der Röhr­schule in Arns­berg, Frau Bau­ern­feind, bewie­sen hat.
Dort wird zu Schul­jah­res­be­ginn nicht wie üblich eine Liste aus­ge­ben, auf der die benö­tig­ten Dinge auf­ge­lis­tet sind, die von den Eltern besorgt wer­den müs­sen und die häu­fig in der Qua­li­tät und den Vor­ga­ben nicht dem ent­spre­chen, was gefor­dert war, son­dern es wird ein Geld­be­trag ein­ge­sam­melt und die Mate­ria­lien wer­den zen­tral besorgt.
Jede Leh­re­rin und jeder Leh­rer muss also, wenn zum Bei­spiel ein neues Heft benö­tigt wird, nur in den Schrank grei­fen und das Benö­tigte her­aus­ho­len. Kein Pro­blem mit min­der­wer­ti­ger Qua­li­tät bei Blei­stif­ten oder der fal­schen Linea­tur bei Heften.

Die Arbeit mit den Kin­dern in den Klas­sen — Unter­richt
In den FLEX-Klassen, das sind die Ein­gangs­klas­sen, die von Kin­dern des 1. und 2. Schul­jah­res gemein­sam besucht wer­den, star­tet der Mor­gen mit Frei­ar­beit. Kin­der ler­nen hier indi­vi­du­ell im eige­nen Tempo und wenn mög­lich nach eige­nen Interessen.

Der Begriff Frei­ar­beit, Frei Arbeit, Frei­ar­beit taucht bei vie­len Gele­gen­hei­ten auf.
Fragt man nach, was unter Frei­ar­beit ver­stan­den wird, erhält man viele ver­schie­dene Defi­ni­tio­nen. Selbst bei ähnli­chen Defi­ni­tio­nen des Begriffs Frei­ar­beit muss man, wenn man solch eine Frei­ar­beit besucht, fest­stel­len, dass auch hier ganz unter­schied­li­che Schwer­punkte gesetzt wer­den und Frei­ar­beit genauso indi­vi­du­ell ist, wie der, der sie macht.

Gemein­sam­kei­ten
Einige Gemein­sam­kei­ten fin­det man bei allen Leh­re­rin­nen und Leh­rern, die in ihren Klas­sen Frei­ar­beit ein­ge­führt haben:

Die Leh­re­rin­nen und Leh­rer
Die Leh­re­rin­nen und Leh­rer sehen sich selbst als Mode­ra­tor und Hel­fer der Kin­der.
Sie den­ken vom Kind aus und ver­su­chen, es in sei­ner per­sön­li­chen Ent­wick­lung und Lern­ent­wick­lung indi­vi­du­ell zu unterstützen.

Die Klas­sen
Häu­fig wird diese Frei­ar­beit in alters­ge­misch­ten Klas­sen durch­ge­führt.
Die Hete­ro­ge­ni­tät, die in jeder Klasse vor­han­den ist, wird erwei­tert und die Vor­teile die­ser Hete­ro­ge­ni­tät wer­den als Chance genutzt.
Kin­der kön­nen gemäß des eige­nen Ent­wick­lungs­stan­des unter­schied­lich viel Zeit auf die Lern­ge­gen­stände verwenden.

Kin­der hel­fen sich gegen­sei­tig.
Je nach Leis­tungs­stand kön­nen Kin­der in ver­schie­de­nen Stamm­grup­pen arbei­ten.
Je nach Orga­ni­sa­tion ver­bleibt das Kind beim Wie­der­ho­len im Klas­sen­ver­band, in der gewohn­ten Umge­bung und wird nicht durch den Klas­sen­wech­sel als “Ver­sa­ger” geou­tet.
Die Leh­re­rin­nen und Leh­rer kön­nen, trotz schwie­ri­ger Vor­aus­set­zun­gen, Regeln, Rituale und Rhyth­mi­sie­rung eta­blie­ren.
Neu hin­zu­ge­kom­mene Kin­der über­neh­men diese von den ande­ren Kin­dern der Klasse, ohne dass diese wie­der ein­ge­führt wer­den müs­sen. So ent­ste­hen gewach­sene Gemein­schafts­for­men, die wenig stör­an­fäl­lig gegen äußere Ein­flüsse sind.

Der Klas­sen­raum
In den Klas­sen wird das Frei­ar­beits­ma­te­rial so prä­sen­tiert, dass es Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter hat, über­sicht­lich und nach Schwie­rig­keit geord­net in de den Rega­len prä­sen­tiert wird und die Kin­der in die Lage ver­setzt, selbst­stän­dig das Mate­rial aus­zu­wäh­len und am Ende der Frei­ar­beit wie­der an den rich­ti­gen Platz zurückzuräumen.

Regeln
Es gibt ver­ein­barte Signale, die bei Bedarf steu­ern oder hin­wei­send ein­ge­setzt wer­den kön­nen, um so zum Bei­spiel den Kin­dern zu signa­li­sie­ren: Bitte etwas lei­ser sein, es ist zu laut.
Unter­schied­li­che For­men der Freiarbeit

Frei­ar­beit ist abhän­gig vom Mate­rial und der Aus­stat­tung in der Klasse.
Vor­han­de­nes Mate­rial muss so prä­sen­tiert wer­den, das von Ihnen Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter aus­geht, sie nach Schwie­rig­kei­ten vor­sor­tiert sind, und auch wie­der an den rich­ti­gen Platz zurück geräumt wer­den können.

Das Spek­trum des Frei­ar­beits­ma­te­ri­als muss bei jahr­gangs­über­grei­fen­dem Unter­richt min­des­tens drei Klas­sen­stu­fen betra­gen, um der hete­ro­ge­nen Klas­sen­zu­sam­men­set­zung Rech­nung zu tragen.

Bei Ein­füh­rung der Frei­ar­beit ist die­ses Mate­rial sicher­lich noch nicht vor­han­den und die eigent­li­che Frei­ar­beit wird vom Lehrer/der Leh­re­rin noch recht eng geführt. Alle Betei­lig­ten müs­sen Frei­ar­beit ler­nen!
Auch der Lehrer/die Leh­re­rin sind Ler­nende, denn für sie ändert sich die Leh­rer­rolle, wie sie den meis­ten von uns aus eige­nem Erle­ben bekannt ist. Er wird zum Mode­ra­tor und Hel­fer und sorgt dafür, dass durch ent­spre­chende Vor­be­rei­tung die Frei­ar­beit in der Klasse gelin­gen kann.

Die Eltern, die eigene Schul­er­fah­run­gen mit­brin­gen, müs­sen sich auch auf die ver­än­derte Situa­tion ein­stel­len und Ver­trauen in ihre Kin­der set­zen. Durch indi­vi­du­el­les und selbst­be­stimm­tes Ler­nen ist der Leis­tungs­stand nicht mehr so ein­fach abfrag­bar und vergleichbar.

Noten gibt es in der Form, wie es sie “frü­her” gab nicht mehr und die Noten auf dem Zeug­nis wer­den durch Texte ergänzt. Hier wird deut­lich, dass mit der Ein­füh­rung von Frei­ar­beit eine inten­si­vere Eltern­ar­beit / –betei­li­gung ange­bahnt und ein­ge­for­dert wer­den muss.

Auch die Kin­der müs­sen Frei­ar­beit ler­nen, denn sie müs­sen viel mehr Rück­sicht auf die ande­ren Kin­der in der Klasse neh­men. Das Motto: Meine Frei­heit hört da auf, wo die des ande­ren beginnt, zeigt, wel­cher hohen Anfor­de­rung sich die Kin­der stel­len müs­sen und in die sie lang­sam hin­ein­wach­sen können.

Auch das Ler­nen will gelernt sein. Schon die Aus­wahl der Arbeit und die Wahl der Arbeits­form, ob allein oder mit ande­ren, ist keine ein­fa­che Ent­schei­dung, die auch schon mal Zeit kos­ten kann.

Der Grund­satz, dass die gewählte Arbeit zu Ende gemacht wer­den muss, ist in einer Zeit, in der Bestän­dig­keit und Aus­dauer nicht mehr zu den favo­ri­sier­ten Tugen­den zäh­len, muss gelernt wer­den und ist gleich­zei­tig Grund­lage für selbst­be­stimm­tes und selbst­stän­di­ges Lernen.

Sind diese wich­ti­gen Kri­te­rien erfüllt, kann die Frei­ar­beit begin­nen. Am Anfang wird sicher­lich viel mit Werk­stät­ten gear­bei­tet wer­den, die soge­nannte gebun­dene Frei­ar­beit, in der die Kin­der ler­nen, in einem weit begrenz­ten zeit­li­chen Rah­men an einem Thema zu arbei­ten, Zusatz­auf­ga­ben zu erfül­len oder auch das Recht für sich in Anspruch neh­men, nur das Nötigste zu erar­bei­ten, weil das Thema nicht der bevor­zug­ten Inter­es­sen­lage des Kin­des entspricht.

Mit fort­schrei­ten­der Sicher­heit und Erfah­rung, mit einer bes­se­ren und umfang­rei­chen Frei­ar­beits­ma­te­ri­al­aus­stat­tung wird die “gebun­dene Frei­ar­beit” immer mehr zur Frei­ar­beit, in der das Kind unab­hän­gig die eigene Arbeit aus­sucht, den Zeit­rah­men fest­legt und die Arbeits­form (Partner-, Grup­pen– und Allein­ar­beit) festlegt.

Der Offene Ganz­tag und die Schule
Der Mensch kann nicht anders — er lernt, ob er will oder nicht.
So lernt er auch am Nach­mit­tag, wenn eigent­lich keine Schule mehr ist. Die Offene Ganz­tags­schule, die im Gegen­satz zur Ganz­tags­schule, frei­wil­lig ist, kann hier Anreize und The­men anbie­ten, die das mor­gend­li­che Ler­nen unter­stüt­zen oder ergänzen.

So kann hier zum Bei­spiel erar­bei­tet wer­den, was am Mor­gen noch nicht rich­tig ver­stan­den wor­den ist; geübt wer­den; indi­vi­du­elle Lern­zei­ten kön­nen nach Nei­gung genutzt wer­den und ver­schie­dene Lern­zeit­an­ge­bote kön­nen Neu­gier auf Neues und Unbe­kann­tes wecken.

Wei­tere Ange­bote und Arbeits­ge­mein­schaf­ten aus den Berei­chen Sport, Kunst, Mathe­ma­tik, Lite­ra­tur, Natur­wis­sen­schaf­ten und Medien run­den das Ange­bot ab, machen neu­gie­rig und for­dern dazu auf, Unbe­kann­tes zu ent­de­cken und auszuprobieren.

Auch hier gilt der Grund­satz: Ange­fan­ge­nes wird zu Ende geführt und trägt dazu bei, dass Kin­der auch bei klei­ne­ren Schwie­rig­kei­ten nicht auf­ge­ben und mit der nöti­gen Unter­stüt­zung diese Schwie­rig­kei­ten meis­tern und Befrie­di­gung dadurch erfahren.

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