Die zwei Hälften des Lebens

Ein Mul­lah, stol­zer Besit­zer eines Kahns, lud den Schul­meis­ter sei­nes Dor­fes zu einer Boots­fahrt auf dem Kas­pi­schen Meer ein. Behag­lich räkelte sich der Schul­meis­ter unter dem Son­nen­dach des Boo­tes und fragte den Mul­lah:“ Wie wird wohl heute das Wet­ter werden?“

Der Mul­lah prüfte den Wind, blickte zur Sonne und sagte: „Wenn du mir fragst, wir krie­gen Sturm.“

Ent­setzt rümpfte der Schul­meis­ter die Nase und kri­ti­sierte: „Mul­lah, hast du nie Gram­ma­tik gelernt? Das heißt nicht mir, son­dern mich. „Dafür hatte der so Geta­delte nur ein Ach­sel­zu­cken übrig: „Was küm­mert mir die Grammatik?“

Der Schul­meis­ter war ver­zwei­felt: „Du kannst keine Gram­ma­tik. Damit ist die Hälfte dei­nes Lebens vergeudet.“

Wie es der Mul­lah vor­aus­ge­sagt hatte, zogen am Hori­zont dunkle Wol­ken auf, ein star­ker Sturm peitschte die Wogen und das Boot schwankte wie eine Nuss­schale. Die Wel­len ergos­sen rie­sige Was­ser­mas­sen über das kleine Schiff.

Da fragte der Mul­lah den Schul­meis­ter: „ Hast du jemals in die­sem Leben Schwim­men gelernt?“

Der Schul­meis­ter ant­wor­tete: „Nein, warum sollte ich den Schwim­men lernen?“

Breit grin­send gab ihm der Mul­lah zur Ant­wort: „Damit sind von dei­nem Leben jetzt beide Hälf­ten ver­geu­det, denn unser Boot ist gerade dabei zu sinken.“