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Anarchie und Verkehrschaos als wünschenswerte Zukunftsutopie

Posted in Fahrrad, Köln, Nachdenkliches, Rodenkirchen, Standpunkt, and Verkehr

Anarchie und Verkehrschaos als wünschenswerte Zukunftsutopie
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Es hat ja schon fast etwas von Anarchie, wenn ich durch Rodenkirchen gehe und das Verkehrsgeschehen betrachte. Die Autos auf der Hauptstraße fahren keine 30, wie es eigentlich von der vorgegebenen Geschwindigkeitsbegrenzung her vorgesehen ist. Auch die grün-weißen oder heute blau-weißen Autos nicht, denn es ist mir schon passiert, dass ich mit diesem Tempo auf dem Rad unterwegs war und gerade von diesen auffälligen Fahrzeugen überholt worden bin. Ohne dass die blaue Lampe auf dem Dach eingeschaltet oder dieses Tatütata zu hören war. Einzig durch die parkenden Lieferdienste kommt der Verkehr auf der Hauptstr. zum Erliegen oder zur Entschleunigung. Privatpersonen, die ihre Warnblinkanlage ausprobieren, gehören manchmal auch zu den Entschleunigern.

In der Regel wird viel schneller gefahren. Meist in sogenannten Hausfrauenpanzern, SUVs. Zebrastreifen sind durch Fußgängerfurten ersetzt worden. Da müssen Autos nicht gestoppt werden, weil das nur eine Querungshilfe ist, aber keine Bevorrechtigung anzeigt, wie der Zebrastreifen es tut. Das ist in der Regel aber auch uninteressant, denn Fußgänger scheinen keine Verkehrsregeln zu kennen. Der stiere Blick aufs Handy ist wichtiger, als der Blick auf die Straße oder auf das Verkehrsgeschehen. Ich bin immer wieder total erstaunt, dass das gut geht.

Es gibt auch Radfahrer in Rodenkirchen. Ein paar fahren sogar auf der Fahrbahn. Manche so, dass die Autos noch in der gleichen Spur vorbeikommen, wenn der Sicherheitsabstand missachtet wird. Ander so, dass sie einen Meter Abstand zum Bordstein halten und das enge überholen durch PKWs so einschränken. Auch hier gibt es immer noch Autofahrer, die den Sicherheitsabstand auf wenige Zentimeter reduzieren.  Viele Radfahrer fahren allerdings ohne jede Regel. Mit dem Schirm in der Hand, am Lenker eine Einkauftasche und ohne Handzeichen – wie sollen sie es auch geben – über die Ohrhörer mit Freisprecheinrichtung telefonierend, queer über die Gegenfahrbahn in den Durchgang zum Maternusplatz. Ein Schulterblick unterbleibt. Der scheint allerdings bei allen Verkehrsteilnehmer unüblich geworden zu sein. Vielleicht sind die Muskeln durchs dauernde Schauen auf Handy schon verkürzt und eine Kopfdrehung ist gar nicht mehr möglich?

Die Mehrzahl der Radfahrer fährt auf dem Bürgersteig. Egal welchen Alters und ob Kinder dabei sind oder nicht. Auch egal, in welche Richtung, sie fahren auf dem Bürgersteig. Meist mit hoher Geschwindigkeit, manchmal so langsam, dass man sie als Fußgänger überholen könnte, wenn genügend Platz vorhanden wäre und man überlegt, wie schaffen die es, nicht um zufallen? Diese Fahren, langsamer als es die ich »falle-um-Grenze« normalerweise erlaubt, scheint mit dem Alter zusammenzuhängen. Je älter, desto langsamer. Ich habe das erforderliche Alter scheinbar noch nicht erreicht.

Auch hier passiert erstaunlich wenig.

Gestern fuhr ich mit dem Rad und kam an die Kreuzung Blücherstr. Walther-Rathenau-Str.. Vor mir eine ältere Dame auf einem Pedelec. Von links kommend ein Pkw, der anhielt, weil die Dame vorfahrtsberechtigt war. Was macht sie den jetzt, dachte ich, denn sie wurde immer langsamer, fuhr auf der Fahrbahn bis fast an den gedachten Mittelstreifen und – man glaubt es nicht, sie stieg ab. Kaum abgestiegen, winkte sie dem Fahrer des Pkws, er möge fahren, sie verzichtete auf die Vorfahrt. Da mir das alles schon sehr merkwürdig vorkam, bin ich langsam herangefahren. Das war auch gut so, denn sonst hätte ich wahrscheinlich einen Zusammenstoß mit dem Pkw gehabt.

Nachdem der Pkw weg war und ich von rechts kein Fahrzeug kommen sah, bog ich links ab und fuhr bis zur Ampel vor, die Rot zeigte. Aus den Augenwinkeln sah ich beim Abbiegen, wie die ältere Dame ihr Pedelec über die Straße schob, um anschließend wieder aufzusteigen. Gleich steht sie hinter mir, dachte ich, aber weit gefehlt. Sie fuhr zwar in meine Richtung, lenkte ihr Pedelec dann aber auf den Bürgersteig, umfuhr so die Ampel, um am Zebrastreifen vom Bürgersteig auf die Fahrbahn der Hauptstr. zu wechseln. Hinter der nächsten Fußgängerfurt ging ihr Weg dann quer über die Gegenfahrbahn hin zum Obst- und Gemüsestand, der dort am Bürgersteig in den warmen Monaten ist. Sie stieg, wie kann es anders sein, auf der Gegenfahrbahn ab und schob ihr Pedelec die letzten Meter. Inzwischen war die Ampel grün geworden und ich setzte meinen Weg fort.

Anarchie könnte man das nennen, denn Regeln scheinen für fast keinen Verkehrsteilnehmer zu gelten. Allerdings, es passiert auch nichts. Unfälle sind selten. Irgendwie scheint dieses Chaos zu funktionieren. Vielleicht ist der Grund, dass die Verkehrsteilnehmer umsichtig sind und vielleicht auch rücksichtsvoll. Letzteres ist in meinen Augen das Mittel, die Verkehrssituation überall zu entspannen. Etwas mehr Rücksicht, etwas mehr Gelassenheit und alles läuft. Das Bestehen auf »Vorherschaft« des eigenen Verkehrsmittels führt zur Aggression, zu Auseinandersetzungen und zu Unfällen.

Gelassenheit und Rücksicht ist demnach die Grundlage für fließenden Verkehr, bei dem alle Verkehrsteilnehmer gefordert sind. Betrachte ich den Verkehr in Rodenkirchen, so denke ich manches Mal, wenn man alle Verkehrsschilder abbaut, die Ampeln außer Kraft setzt und den Verkehr laufen lässt, so verläuft er stressfreier, weil niemand mehr ein Recht für sich in Anspruch nehmen kann. Ich weiß, das ist Utopie und dorthin werden wir nie kommen. Oder vielleicht doch nicht. Vielleicht geht von der Kleinstadt Bohmte bei Osnabrück ein Virus aus, denn dort wurde auf Schilder, Bürgersteige usw. im Rahmen der Teilnahme am Projekt »Shared-Space-Projekt« verzichtet. Die Erfahrungen sind positiv.

 

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