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Begegnung nach Jahrzehnten

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Komm mal her zu mir, Kleiner!“
Ich ging in die Hocke, nahm ihn in den Arm, obwohl ich ihn nicht kannte,  und tröstete ihn. Nachdem sein Weinen nachgelassen hatte, sah er mich an.
“Kennst du das, dass man plötzlich traurig ist und weint?”, fragte er mich und wischte sich die letzten Tränen aus den Augen.
“Wie alt bist du jetzt?”, fragte ich ihn, ohne seine Frage zu beantworten.
“Sechs!“
“Dann bin ich genau zehnmal so alt wie du! Kannst du mir sagen, wie alt ich bin?“
Er überlegte einen Moment, runzelte die Stirn und antwortete dann: “60.“
Ich nickte zustimmend und lächelte ihn an. “Verrätst du mir, wie du heißt?“
“Elmar. Elmar heiße ich. Wenn mich jemand ärgern will, sagt er Emma zu mir. Das macht mir aber nichts aus!“
“Das kenne ich. Ich heiße auch Elmar und bin stolz auf meinen Namen. Es gibt ihn nicht allzu häufig. Weißt du, was der Name bedeutet?“
“Nein. Manchmal werde ich auch Elmar Herr von Habenichts genannt. Warum weiß ich nicht!“
“Elmar bedeutet: berühmter Schwertträger, berühmtes Schwert, berühmte Schwertspitze, der Edelberühmte, berühmter Speerkämpfer mit edler Gesinnung, durch Adel glänzend, und wird von den altgermanischen Namen Eilmar oder Agilmar abgeleitet. Hast du schon mal was von den Germanen gehört?“
“Ja, ich habe ein Kinderbuch darüber gelesen!“
“Aber, du gehst doch sicherlich noch nicht zur Schule — oder? Wie hast du denn das Lesen gelernt?“
“Das weiß ich selber nicht. Ich habe immer gefragt “Wie heißt der Buchstabe” und irgendwann konnte ich lesen!“
“Klasse!”, sagte ich bewundernd. “Hast du Bücher zu Hause?“
“Nein, wir haben keine, aber ab und zu leihe ich mir eins bei unseren Nachbarn. Die haben sogar Kinderbücher. Eigentlich ist es mir egal, was ich lese. Ich lese alles, was mir vor die Augen kommt.“
“Welches Buch würdest du denn im Moment gerne lesen?“
“Egal. Ein Abenteuerbuch wäre nicht schlecht!” “Tom Sawyer, habe ich gehört, soll klasse sein. Das Buch würde ich gerne lesen! Mein Freund Finni sagt aber, ich bin noch zu jung für das Buch.“
“Ich schenke es dir, bei unserem nächsten Treffen!“
Seine Augen strahlten. “Danke!”, sagte er so leise, dass ich es kaum verstehen konnte.
“Magst du mir erzählen, was dich eben so traurig gemacht hat?“
Er sah nach hoch zu mir und überlegte einen Moment. “Ja, das kann ich machen!“
Erwartungsvoll schaute ich ihn an, ohne ihn aus meinem Arm, der ihn noch immer umfing, zu entlassen. Er schien das zu genießen und ich auch.
“Weißt du,”, sagte er, während er mich prüfend anschaute und in meinem Gesicht zu lesen schien, “ich habe manchmal große Angst und manchmal bin ich sehr, sehr wütend! Aber ich kann mich gegen niemanden wehren. Meine Eltern sagen immer zu mir: Ein großer Junge weint nicht und wenn ich dann doch mal weinen muss und die Tränen nicht zurückhalten kann, dann werde ich von ihnen gehänselt. Meine Wut ist dann schlimmer als sie vorher war. Also habe ich beschlossen, nicht mehr zu weinen! Das klappt aber noch nicht immer“
“Mmhh, da bin ich aber ganz anderer Meinung als deine Eltern. Auch Jungen dürfen weinen und sogar Männer dürfen weinen. Wenn dir etwas Schlimmes widerfahren ist und du weinst, dann lastet es nicht mehr so auf deiner Seele. Wenn dort zu viel angestaut ist, dann kannst du nicht mehr froh sein!“
“Was soll ich denn machen? Gehänselt werden will ich auch nicht!“
“Wenn es dir hilft, dann komm doch zu mir. Bei mir da darfst du weinen, so lange und so oft du willst. Und wenn ich mal nicht da bin, dann such dir einen Platz, wo dich niemand sieht und hört und weine dort!“
“Das hilft?“
“Ich denke schon!”, sagte ich nachdenklich. „Auch ich durfte nicht weinen, weil es mir dann ähnlich erging wie dir! Jetzt bin ich sechzig Jahre alt und habe vor fünfundfünfzig Jahren das letzte Mal geweint.“
“Das hast du geschafft?”, fragte er bewundernd.
“Ja, das habe ich geschafft! Und deshalb weiß ich auch, dass es falsch war und ist, nicht zu weinen!“
“Warum das denn? Es ist doch toll, wenn man nie weinen muss!“
“Nein, toll ist das nicht! Man unterdrückt das Weinen und damit auch die Gefühle, die heraus wollen, und durch das Weinen auch heraus kommen können! Irgendwann hart man so vieles in sich unterdrückt, das “Fass” voll ist und dann kann es passieren, dass du dich gar nicht mehr freuen kannst und nur noch traurig bist. Dann brauchst du Hilfe, um dort wieder herauszukommen! — Um dort dann wieder herauszukommen, musst du alle Gefühle, die du damals hattest, wieder neu erleben. Das tut sehr weh und hat die ganze Zeit irgendwie wehgetan, nur wollte man das nicht wahrhaben. — Man merkt zwar den Schmerz, weiß aber nicht, was da schmerzt!“
“Wie spät ist es jetzt?“
“Sieben Uhr!“
“Dann muss ich jetzt schnell nach Hause! Wann bist du wieder hier?“
“Wann du willst!”, antwortete ich. “Gib mir einfach ein Zeichen und ich bin da!“
“Danke!”, sagte er und ich drückte ihn noch einmal. Dann lief er schnell in Richtung seines zu Hause. Ich sah ihm nachdenklich nach.
Plötzlich, bevor er um die Ecke bog,  drehte er sich noch einmal um und winkte mir zu: “Morgen wieder hier?“
Ich nickte, winkte und lächelte ihm zu.
Morgen wieder hier! Ich freute mich auf das Treffen mit Elmar.

Ich saß noch eine ganze Weile auf der Bank und dachte an meine Kindheit. Manchmal huschte mir ein Lächeln übers Gesicht, aber viel, viel öfter schluckte ich schwer. Schnell dachte ich an etwas anderes und floh so aus meinen Erinnerungen.
So saß ich auf der Bank, vergaß die Zeit und merkte gar nicht, dass es inzwischen dunkel geworden war. Mich fröstelte und ich hob den Blick. Alles um mich herum sah verschwommen aus. Ich wischte mir mit der Hand über die Augen. Sie wurde feucht und als ich wieder aufblickte, konnte ich scharf sehen. Auf meinem Hemd waren die Spuren von Nässe, von Tränen. Es waren seit Jahrzehnten die ersten Tränen, die ich weinte. Und ich hatte Angst! Angst davor, dass ich den Schmerz, der mit den Tränen kam, nicht aushalten würde.

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