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Ein Held, wer sich traut! Ein Held, wer sich nicht traut!

Posted in Abenteuer, Kindheit, Lernen, and Nachdenkliches

Ein Held, wer sich traut! Ein Held, wer sich nicht traut!
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   Ich bin noch in einer Welt aufgewachsen, in der es wenige Autos, kein Internet gab und die Eltern keine Zeit hatten, sich viel um ihre Kinder zu kümmern. Nach dem Krieg, in den 50iger und 60iger Jahren, ging es um Existenzsicherung und -aufbau.

   Erwachsene waren Respektspersonen, denen man nicht widersprach und in der Bahn, wenn man sie einmal benutzte, den Platz freimachte, wenn sie hereinkamen. Es gab Lehrer, die ihre Schüler schlugen oder mit faustdicken Schlüsselbunde nach ihnen warfen und nicht selten trafen.

    Kinder hatten ihre Pflichten, die sie regelmäßig erfüllen mussten und die die Eltern entlasteten. Kinder waren häufig lästig im täglichen Leben und wurden gelegentlich entsprechend behandelt. Eine Erziehung auf Augenhöhe, wie es heute so schön heißt, gab es damals nicht, und wenn man nicht aufpasste, fing man sich ein paar Ohrfeigen ein. Schläge gehörten zum Alltag und gab es meist schon für Kleinigkeiten.

   Trotzdem war das Leben als Kind nicht schlecht, denn wir hatten die „große Freiheit“. Da die Eltern mehr mit Arbeit und Aufbau der Existenz beschäftigt waren, galt häufig die einfache Regel: Wenn du deine Pflichten erfüllt hast, kannst du spielen gehen. Du bist wieder hier, wenn die Laternen angehen.“

   Vor dem Fenster der Wohnung, in der wir damals wohnten, stand eine solche Laterne. Es war eine Gaslaterne. Was wir als Kinder sehr schnell spitz bekommen hatten, war, dass man diese Laterne ausmachen konnte. Man musste nur einmal mit einem ordentlichen Anlauf gegen die Laterne springen und schon war sie aus. Wenn die Laterne also nicht an war, mussten wir noch nicht nach Hause.

   Wir waren mobil zu dieser Zeit. Zwar nicht mit dem Auto, aber zu Fuß. Um zur Schule zu kommen, musste man schon eine Dreiviertelstunde laufen. Zum Sportunterricht ebenfalls, denn die Turmhalle war nicht an der Schule, sondern weit entfernt. Sie war in der Nähe meines Wohnortes, sodass ich es nach dem Sportunterricht, wenn denn dann Schulschluss war, nicht weit nach Hause hatte.

   Obwohl neben der Turnhalle noch Sportplätze waren und genau gegenüber unserer Wohnung ein großes Gelände mit Spielplatz, zog es uns weiter weg. Weg ins Abenteuer. Es war keine Seltenheit, dass wir uns nachmittags zwischen fünf und zehn Kilometer von der elterlichen Wohnung entfernt aufhielten. Unerreichbar, denn es gab keine Handys. Telefonzellen gab es. Das waren gelbe Kästen mit Glasscheiben an den Seiten. In diesen hing ein Telefon mit Wählscheibe. Wenn man Geld einwarf, konnte man über die Wählscheibe eine Nummer wählen und wurde dann verbunden. Verbunden ist wohl etwas übertrieben, denn die meisten Menschen hat kein Telefon zu Hause. Konnten demnach auch nicht angerufen werden. Für uns Kinder war es demnach egal, ob es diese Telefonzellen gab oder nicht.

    Einer unserer Lieblingsplätze war eine Schlucht, die nach einem längeren Fußweg in einem Buchenwäldchen lag. Es ging relativ steil vom Rand hinunter und fallen wollte man dort nicht. Trotzdem war das, ich erinnere mich heute noch gerne an die Mutprobe, die wir uns dort ausgedacht hatten. Ich war kurz vor der Einschulung, als wir dort das erste Mal waren. Wir standen am Abgrund und schauten in die Tiefe. Manche hielten sich am Zweig eines Busches fest, der vor einem Absturz retten sollte. Das hätte nicht wirklich genützt, denn dafür wären die Zweige zu schwach gewesen. Vielleicht auch zu dünn, sodass die Hand keinen Halt gefunden hätte, egal wie fest man zugedrückt hätte.

   Nahe des Abgrundes standen natürlich auch Bäume. Buchen, die ich heute noch sehr liebe. Sie waren groß und mussten schon lange dort stehen. Der Stamm war ohne Zweige, dafür die Krone riesige groß und im Sommer schön belaubt. Eine Buche stand so nahe am Rand des Abgrundes, dass ihre Wurzeln aus der Erde herausragten und nach einem kurzen Stück wieder einen Weg in die Erde hinein gefunden hatten. Wie Haltegriffe ragten sie leicht über den Abgrund hinaus.

   Haltegriffe! Das hatten wir natürlich auch gesehen und schon schwebte die Frage über unseren Köpfen: Wer traut sich?

   Das Wurzelwerk wurde genauer betrachtet und es sah so aus, als könne man von links nach rechts oder von rechts nach links, wenn man sich gut festhielt, über den Abgrund klettern. Wer sich das traute, war der Größte!

   Nun wurde hin und her überlegt. Immer wieder mal unterbrochen von dem Satz: Du traust dich das sowieso nicht! Zögerlich ging erste zu der Wurzel und zog noch einmal fest an ihr, um ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Sie war so dick, dass man sie mit der Kinderhand nicht umfassen konnte. Dann hielt er sich fest und kletterte vorsichtig mit den Füßen auf die Abgrundkante. Tastete sich mit den Füßen tiefer und hing dann fast, sich an der Wurzel klammernd, über dem Abgrund. Erwies sich der Stand als sicher, wurde eine Hand von der Wurzel gelöst und vorsichtig nach einem neuen Halt gesucht. Die Füße folgten tastend, sobald man diesen Halt gefunden hatte. So ging es weiter, bis man sich auf der andren Seite der Buche wieder an der Wurzel hochziehen konnte und schließlich wieder auf der Abgrundkante stand.

   Ungeteilte Bewunderung galt dem ersten Kletterer. Kein nachfolgender Kletterer würde die gleiche Bewunderung erhalten, das war allen klar. Trotzdem gab es auch in unserer Runde Kinder, die sich das nicht trauten. Nicht trauten, obwohl sie ein Hilfsangebot bekamen. Es war halt für diese Kinder nicht der richtige Zeitpunkt, und wenn man sich nicht traute und es dann nicht machte, war das auch etwas Großes. Heute denke ich, dass das der Grund war, warum wir solche Abenteuer unbeschadet überstanden haben.

   Heute ist es anders, aber auch besser?

Bild einer Schlucht mit Blick auf die obere Kante
Der Abgrund
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