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Waren wir Helden?

Posted in Medienkompetenz, Schule und Internet, Standpunkt, and wasmirindensinnkommt

Ich erinnere mich daran, dass wir in meiner Kinderzeit – in denen Winter noch Winter waren und wir regelmäßig Schnee im Bergischen Land liegen hatten – immer mit dem Schlitten unterwegs waren.
Keine Mama, kein Papa, keine Oma, kein Opa, keine Tante, kein Onkel oder irgendeine Person hat uns beaufsichtigt.

Wir sind die steilsten Hänge runter gefahren, habe Schlitten zusammengebunden, hatten kein Butterbrot dabei und auch kein Taschentuch.
Wir hatten Spaß, haben uns gestritten, verletzt, geweint, sind wieder aufgestanden, haben weiter gemacht und ganz, ganz häufig auch vergessen, zu Hause zu sein, wenn die Laternen angingen.

Nie wussten unsere Eltern, wo wir waren und ein Handy hatten wir auch nicht.

Aber Spaß hatten wir!

Groß geworden sind wir auch und selbstständig. Gelernt haben wir mehr als man uns sonst hätte beibringen können.

Wenn ich heute an diese Zeit denke, tue ich das voller Freude und weiß, dass mir die Zeit des Entdeckens und ausprobieren die Möglichkeit gegeben hat, Fähigkeiten bei mir zu entdecken und zu entwickeln, aber auch Abneigungen zu erkennen und auch, was wichtig ist, mit meinen „Mängel“ umzugehen, diese zu akzeptieren und ohne Verlust meines Selbstwertgefühls durch Freunde und Kameraden ausgleichen zu lassen.
Neugier und Kreativität mit einem ordentlichen Schuss Fantasie habe ich mir bis heute erhalten können.

Ich bin dankbar, dass ich nicht zu den Kindern gehöre, die heute groß werden.

Wie ist es heute?

Es ist schon mehr als verwunderlich, was Kinder so zu Weihnachten geschenkt bekommen: PlayStation, PlayStation für unterwegs, Nintendo DS, W II, Handy, Computer und so weiter.

Daraus ergeben sich eigentlich zwei Fragen:

  • Was bekommen die Kinder zu Weihnachten, wenn sie sechzehn Jahre alt sind?
  • Leben wir zu sehr in einer virtuellen Welt?

Zur Frage, was Kinder im Alter von 16 Jahren bekomme, kann ich nicht beantworten und muss gestehen, dass ich mir darüber auch keine Gedanke machen möchte. Spontan würde ich sagen, eine gewisse Bescheidenheit, auch und gerade beim Schenken, sollte in Zeiten, in denen das Geld knapp ist, eigentlich selbstverständlich sein.

Die Frage, ob wir zu sehr oder immer mehr oder demnächst überwiegend in virtuellen Welten leben und den Bezug zur Realität verlieren dagegen, macht mir Angst und freut mich nicht.

Warum geben Eltern ihren Kindern so wenig Freiraum?

Im Englischen nennt man eine Überbehütung overprotected. Man kann auch sagen: Mit Liebe erdrücken.
Hinzu kommt eine Art  „Ex und Hopp Mentalität“, die sich immer mehr breit  macht.  „Ich habe das gerade angesehen, es macht mir keinen Spaß. Ich mache etwas anderes. Ich habe das gerade angesehen, es macht mir …“.

Dass gerade das Dranbleiben, das Wiederversuchen häufig erst dazu führt, eine Sache für sich zu entdecken, die dann vielleicht sogar ein Leben lang ein zuverlässiger Begleiter ist, wird nicht oder selten erkannt. Talente, Begabungen und sogar – obwohl ich diese Vokabel ausgesprochen ungern benutze – Hochbegabungen gehen verloren, weil Anforderungen abgelehnt werden und das Leben nach dem Lustprinzip geführt wird.

Fast schon pervers?

Wenn Sie jetzt an meine eingangs geschilderten Kindheitserinnerungen denken, so werden Sie sicherlich verstehen, dass es meinem Gefühl nach eine gewisse Perversität beinhaltet, wenn Kinder einen Spielkonsole erhalten, mit denen sie zu Hause vor dem Fernseher alleine Sport betreiben, statt vor die Türe zu gehen oder in einen Sportverein.

Die virtuelle Welt

Sicherlich hat sie ihre Vorteile, wenn zum Beispiel der preiswerteste Anbieter für eine Reise oder eine Anschaffung gesucht wird, oder wenn man Kontakte schnell und einfach zu jemandem herstellen möchte, der weit entfernt ist. Die Übertragung eines Bildes bei gleichzeitiger Sprachübermittlung ist dank moderner Technik und schnellen Übertragungswegen kein Problem.

SMS per Handy = 160 Zeichen, die schnell getippt dem anderen mitteilen, was wichtig oder unwichtig ist. Meist sind diese Texte voller Abkürzungen, sodass man fast schon von einer Entwicklung einer neuen Sprache sprechen kann.

Die schnelle Übermittlung von E-Mails. Schnell mehrere Personen in den Verteiler und schon wird die Info mit einer E-Mail vielen Personen zugestellt. Infos, die den Adressaten vielleicht gar nicht interessieren und dieser als SPAM empfindet.

Auswirkungen der schnellen Kommunikation

Wegfall der Anrede und / oder Grußformel kennzeichnen häufig den E-Mail-Verkehr. Ein ebenso nachlässiger Umgang mit dem Gegenüber, wie mit der eigenen Sprache verbreitet sich immer mehr. Ein gewisser Egoismus macht sich breit, der sich in der mangelnden Achtung des Gegenübers durch diese Nachlässigkeiten bemerkbar macht.

Die Lesefähigkeit geht verloren. Texte mit mehr als 160 Zeichen werden als mühsamer Lesetext empfunden und Sinnentnahme über einen längeren Text fällt schwer.

Verteufelung der neuen Medien?

Nein, ganz und gar nicht! Auch ich nutze Medien, aber nicht nur neue Medien.

Ich schreibe auch Briefe oder Karten und benutze dazu einen Füllfederhalter. Ich entwerfe Briefe, lese sie, verwerfe Formulierungen und ersetze sie durch neue. Ich gebe mir Mühe, wenn ich jemandem einen Brief schreibe. Ich schreibe ihn mit der Hand und nutze angemessene Grußformeln.

Ich schreibe Briefe mit dem Computer, wenn ich ihn häufig vervielfältigen muss, Bilder eingefügt werden. Den Computer nutze ich gerne, nämlich immer dann, wenn es sich um wiederkehrende Arbeiten handelt, die sich wenig ändern und somit eine Zeitersparnis darstellen. Als Beispiel möchte ich hier Einladungen nennen, in denen sich nur das Datum und die Tagesordnungspunkte ändern, nennen.

Ebenso ist es sicherlich einfach und auch sinnvoll den Compter immer dann zu nutzen, wenn mehrere Medien in einem Dokument vereint werden sollen.

Um solche Entscheidungen treffen zu können, Medienkompetenz ist Grundvoraussetzung. Diese muss erworben werden, was wiederum ein recht langer Prozess ist. Begonnen wird damit zu Hause mit den Eltern; beim beliebtesten Medium, dem Fernseher. Die Beschränkung, die Programmauswahl, der tägliche Konsum gehört zum verantwortungsvollen Umgang mit Medien und ist damit Grundlage von Medienkompetenz.

Weitergeführt und weiter angebahnt werden diese Kompetenzen im Kindergarten und in der Grundschule. Bis dahin ist es ein weiter Weg, der Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Eltern, Kindern und Erzieherin und Kindern und Lehrern unumgänglich macht. Gleichzeitig gehört Anstrengungsbereitschaft, Förderung durch Forderung dazu.

Mit einer Spielekonsole vor dem eigenen Fernseher Sportspiele zu machen, statt diese auf der Straße mit anderen Kindern oder im Sportverein mit anderen gemeinsam, führt zu Isolation, Verzicht auf soziale Kontakte in der Gruppe, damit wiederum zu Egoismus und das in einer Zeit, in der die soziale Eingebundenheit Sicherheit gibt und Voraussetzung ist für die eigene Entwicklung in einer Gemeinschaft die unterstützend, aber auch als Regulativ auf dem Weg zum Erwachsenwerden Garant für eine positive Entwicklung ist.

Nein, wir waren keine Helden. Wir sind in einer anderen Zeit groß geworden und und haben unsere uns und unsere Welt Stück für Stück entdecken können. Wir haben ausprobieren können und auch durchaus mal Fehler machen können.

Setzen wir Vertrauen in die Kinder und geben ihnen mehr Freiraum zur Persönlichkeitsentwicklung und haben wir auch den Mut, ihnen zu verweigern, was sie nicht brauchen: Die Einsamkeit an Maschinen, die in eine vrituelle Welt führen.

Schließen möchte ich mit den Worten der Reformpädagogin Maria Montessori:
„Nicht das Kind soll sich der Umgebung anpassen, sondern wir sollten die Umgebung dem Kind anpassen.“

Weiterführende Infos

Maria Montessori – Wikipedia

Virtuelle Welt / Virtuelle Realität – Wikipedia

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer – Wikipedia, hat in vielen interessante Artikel über Gehirn, Lernen und Computer geschrieben und über Auswirkungen von zum Beispiel zu viel Fernseh- und Computerkonsum auf das menschliche Gehirn und das Lernen. Einen Nachweis über seine Werke finden sie im obigen Artikel oder in der Buchhandlung Ihres Vertrauens.

Noch mehr Infos finden Sie auf diesen Seiten: Verwandte Artikel.

Zur Anbahnung von Medienkompetenz in der Grundschule habe ich zwei Computerarbeitshefte plus entsprechender Lehrerhandbücher herausgegeben, die im Herdt-Verlag erschienen sind: Mein Computerarbeitsheft